Und im Himmel wird eine Wohnung vorbereitet für alle, die an Jesus glauben.
Sabine Kähler
7. März 2026

Papa, da liegt einer.» Silas bleibt ruckartig stehen und schaut mit geweiteten Augen auf den Mann im Schlafsack, der in einiger Entfernung auf dem Boden der Unterführung liegt. «Schläft der Mann hier?»

«Es scheint so», antwortet Papa.

«Aber warum hier und nicht zu Hause?»

«Es gibt Menschen, die haben kein Zuhause.» Papa nimmt Silas an die Hand. «Kommst du?»

Sie gehen weiter, doch als sie die Stelle erreicht haben, wo der Mann liegt, wird Silas langsamer und starrt die Gestalt am Boden an. Ganz entspannt liegt der Mann da und schläft. Er hat einen stoppeligen Bart und seine dünnen Haare sind zu einem Zopf im Nacken gebunden. Neben ihm stehen zwei grosse, gefüllte Plastiktüten und da entdeckt Silas auch eine kleine Schale mit Münzen. Er bleibt stehen.

«Ist das sein Geld?», flüstert Silas.

«Das ist wahrscheinlich Geld, das Menschen, die vorbeikamen, ihm gegeben haben.»

«Weil er arm ist?»

«Ja.»

«Können wir ihm auch Geld geben?»

«Natürlich.» Papa reicht Silas ein Zwei-Euro-Stück und Silas legt es in die Schale zu den anderen Münzen. Der Mann bemerkt es nicht.

«Komm, Silas, du weisst doch, ich habe noch einen Termin bei der Bank.»

Papa muss zu einer Besprechung, aber weil diese nicht lange dauert, hat er Silas heute mitgenommen. So können sie zusammen noch ein bisschen durch die Stadt spazieren, die viel grösser ist als ihr Dorf zu Hause. Tatsächlich muss Silas gar nicht lange in der Sitzecke der Bank warten, dann ist Papa fertig. «Lust auf eine Currywurst?», fragt Papa und Silas nickt begeistert. Gemeinsam ziehen sie los, schlendern durch die Fussgängerzone, schauen sich die neusten Kickschuhe im Sportgeschäft an und gehen anschliessend eine Currywurst essen.

«Was isst der Mann, wenn er Hunger hat? Kauft er sich auch eine Currywurst?», fragt Silas und schiebt sich ein Rädchen Wurst in den Mund. «Er hat ja keine Küche, in der er sich etwas kochen kann ...» 
Papa weiss sofort, von wem Silas spricht, auch er hat den schlafenden Mann in der Unterführung nicht vergessen. 

«Ich weiss nicht», antwortet er und zuckt mit den Schultern, «in manchen Städten gibt es einen Treffpunkt für wohnungslose Menschen. Dort bekommen sie ein Mittagessen oder können auch zum Übernachten bleiben. Vor allem im Winter ist das hilfreich, wenn es draussen kalt ist.»

«Aber warum mietet sich der Mann nicht einfach eine Wohnung?» Silas zieht die Nase kraus und leckt etwas Ketchup von seinem Finger. «Ich würde nicht gern in der Unterführung wohnen. Dort stinkt es und es ist schmutzig.»

«Nun, ich fürchte, er hat kein Geld dafür. Oder es gibt andere Gründe.»

«Ich verstehe das nicht.» Silas schüttelt den Kopf. «Wie kommt es, dass manche Menschen so leben?»

«Schwer zu sagen.» Papa reibt sich die Bartstoppeln am Kinn. «Vielleicht hat er seine Arbeit verloren und konnte irgendwann seine Miete nicht mehr bezahlen. Vielleicht war er verheiratet und es kam zu einer Scheidung und sein ganzes Leben kam dadurch durcheinander. Vielleicht kommt er aus einem anderen Land und konnte hier bei uns nie richtig Fuss fassen. Ich weiss es nicht.»

«Vielleicht war er im Gefängnis und als er rauskam, hatte er keine Wohnung mehr», überlegt Silas mit gerunzelter Stirn. «Oder das Haus, in dem er mal gewohnt hat, wurde abgerissen.»

«Auch das kann sein.»

«Können wir etwas für den Mann einkaufen?»

«Etwas einkaufen?»

«Ja. Ein Geschenk. Das bringen wir ihm dann auf dem Rückweg vorbei.»

«Was zum Beispiel?»

«Ich weiss noch nicht», antwortet Silas nachdenklich, «aber mir wird bestimmt noch etwas einfallen.»

Lesen Sie die ganze Kindergeschichte in ethos 01/2026